Kurzer Einwurf pro Föderalismus und Subsidiarität

Schulsysteme, Kitagebühren, Anbauverbote etc., immer öfter fordert eine Gruppierung, ein Verband, eine Interessenvertretung oder auch eine Partei  bundeseinheitliche Lösungen und etliche Bürger scheinen das zu unterstützen – auch ohne zu schauen oder gar zu untersuchen, wer das eigentlich  fordert und warum. Mit jeder Vereinheitlichung von Gesetzen auf Bundesebene schmälert man Gestaltungsmöglichkeiten auf der Landesebene. Man ruft für immer mehr Bereiche nach bundeseinheitlichen Regelungen, also im Prinzip nach der Abkehr von Föderalismus und Subsidiarität. Das sind interessanterweise oft die gleichen Menschen, die eine Vereinheitlichung/Gleichschaltung auf der nächsthöheren Verwaltungsebene, der europäischen, vehement ablehnen.

Ich lehne diesen Drang zum Zentralismus eben nicht erst ab der EU-Ebene ab, sondern schon auf der Bundesebene.

Was hindert uns Brandenburger daran, das in unseren Augen beste Modell in einer Angelegenheit auch für uns zu fordern, von unseren Parlamentariern auf der Landesebene? Warum sollen wir warten, bis sich 16 Bundesländer auf ein Modell geeinigt haben – ach halt, wenn die Zentralisierung abgeschlossen ist, dann muß man nur den Bund überzeugen.

Hm, Moment! Also ich halte es für einfacher, eine Legislative, die für 2,5 Mio Bürger auf knapp 30 Tsd. km² wirkt zu erreichen und zu überzeugen, als eine Legislative, die für 82 Mio Bürger auf 360Tsd km² zuständig ist.
Im Bundestag sitzen derzeit 12 Brandenburger Abgeordnete (nicht zu vergessen in 4 Fraktionen). Auf jeden Brandenburger Abgeordneten kommen also gut 204.000 Brandenburger. Tja und dann gibt es da noch 618 Abgeordnete aus anderen Ländern. Im Brandenburger Landtag Sitzen 88 Abgeordnete (gut 27.800 Ew./Abgeordneter) die Mehrheit liegt bei 45 und nicht bei 316. Da sollte eine Mehrheit für Brandenburger Angelegenheiten, die auch nach heutiger Rechtslage in Brandenburg allein geklärt werden können, doch schneller in Brandenburg zu organisieren sein als im Bund, oder?

Wieso soll es nicht möglich sein, daß Brandenburger in Brandenburg für Brandenburg und für Brandenburger ihre Belange regeln? Jeder Abgeordnete des Brandenburger Landtages betreibt ein Abgeordnetenbüro, ist erreichbar. Jeder Abgeordnete ist in einer Partei oder Vereinigung organisiert, die man mal besuchen oder der man auch beitreten kann.
Ich stelle es mir bedeutend einfacher vor für uns vor Ort,  hier in Brandenburg etwas erreichen können, als über Berlin oder Brüssel gehen zu müssen.

Abbau von föderalen und subsidiären Strukturen dient immer der Stärkung von Zentralismus. Zentralismus führt und führte immer, über kurz oder lang, bei den einen zu einer Schwächung der Identifikation mit der entsprechenden „Verwaltungseinheit“, somit zu politischem Desinteresse und einer Verweigerung der demokratischen Teilhabe – man überläßt das Feld quasi jenen, die darin eine Chance erkennen; bei anderen hat Zentralismus den gegenteiligen Effekt, führt zu übersteigerter Identifikation, die irgendwann im Chauvinismus endet und in seiner Wirkung durch die Verweigerungshaltung Erstgenannter auch noch verstärkt wird.
Zentralismus ist schon mehr als einmal  gescheitert und er dürfte auch einer der Gründe sein, warum viele Europäer perspektivisch ein zunehmendes Unbehagen mit Aufbau und Funktion der heutigen EU empfinden.

Wenn man etwas auf naher Ebene regeln kann, so sollte man das auch tun. Schützt auch vor Ausreden über bundesdeutsche oder europäische Hindernisse.

 

#AnotherEurope
#WirBrandenburger

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Kurzer Einwurf: Trump als Chance?!

Machen wir uns nichts vor, weder unter Clinton noch unter Trump hätten sich die USA in eine Sozialstaat europäischer Prägung verwandelt.

Auch bin ich der Meinung, daß die Wahrscheinlichkeit einer kriegerischen Auseinandersetzung direkt oder indirekt zwischen den USA und Russland, die sich um den Brennpunkt Syrien entfesseln könnte, unter Clinton deutlich höher einzuschätzen wäre als unter Trump. Die in vielen Medien verbreitete Ansicht, daß Trump außenpolitisch unklar wäre, teile ich nicht ganz. Er ist wohl das, was man einen Paläokonservativen nennt, also nichts für den europäischen Geschmack, aber diese Strömung (Sarah Palin ist eine weitere Vertreterin) bringt es mit sich, daß man außenpolitisch eher auf Isolation als auf Expansion setzt. Mehrere dahingehende Andeutungen hat es von Trump im Wahlkampf gegeben.

In dieser unmöglichen Wahl sehe ich also ein Chance für uns Europäer. Ratlos und verzweifelt sind heute eigentlich nur jene, die bisher in Vasallentreue nach Washington schauten und durch die jahrelange Übung darin, das eigene Denken, Konzipieren und Entscheiden verlernt haben.

Die Unmöglichkeit Trumps, so meine Hoffnung, kann zu einer Emanzipation EU-Europas führen. Wir Europäer haben nun die bisher für nicht möglich gehaltene Chance, politisch wieder auf eigenen Beinen zu stehen – nicht um „great again“ zu werden, sondern um Politik für die Bürger zu machen und stärker den tatsächlich europäischen Interessen zu folgen.
Ich meine, daß wir heute Zeuge des Eintritts in eine weitere Phase des Niedergangs einer Hegemonialmacht wurden. Wir haben nun die Wahl mit ihr unterzugehen oder uns zu emanzipieren. Ich hoffe auf letzteres.

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Olympia regional

Die Olympischen Spiele sind vorbei.

Mit einem Augenzwinkern und für alle Freunde des Regionalen hier eine Statistik zur Deutschen Olympiamannschaft, aufgeschlüsselt nach Herkunftsregionen. Also so, wie es durchaus sein könnte, wenn wir schon ein Europa der Regionen hätten…

medaillenspiegel regional

Erläuterung: Sortiert wurde nach historischen Regionen bzw. Kulturlandschaften; dennoch lassen sich recht leicht auch die Daten nach Bundesländern herauslesen.

Baden und Württemberg wurden getrennt betrachtet. Ebenso Schleswig und Holstein. Auch erlaubte ich mir, zwischen Franken und Bayern zu unterscheiden.

Ferner wurde das Bindestrichland Nordrhein-Westfalen in seine Bestandteile aufgeteilt, also Westfalen und Rheinland. Dem Rheinland wurden der Ordnung halber natürlich auch die entsprechenden Teile eines weiteren Bindestrichlandes zugerechnet; Rheinland-Pfalz. Der Rest dieses schönen Landes wurde als „Pfalz“ einzeln gewertet. Wobei sich der Pfälzer darüber sicher nicht grämt, ist die Pfalz doch mehr als doppelt so groß wie das Saarland (5451,09 km² zu 2569,69 km²) und ist sie auch Heimat für mehr Menschen als es das Saarland ist (1,4 Mio zu nicht ganz 1 Mio).
Überhaupt wundert man sich bei der Betrachtung von Regionen schon, zumindest ich tue das, wie einige der dem Namen nach vertraut klingenden Bundesländer zum Teil doch willkürlich zusammengewürfelte Angelegenheiten zu sein scheinen (gut, gut, ich kann es mir erklären, dennoch…)

Wohingegen Berlin natürlich zu Brandenburg gezählt wurde. Historisch gehören wir zusammen und die Trennung ist ein Relikt des heißen und Kalten Krieges. Jeder anständige Brandenburger gesteht dem Berliner eine Besonderheit nur in dem Maße zu, wie das auch die Bayern mit einem Münchner tun, aber eben nicht mehr. Berlin ist nur die größte Stadt Brandenburgs 😉 . Ebenso klar, daß die historisch Freien Städte Bremen und Hamburg auch in dieser Statistik ihre Eigenständigkeit behalten durften.

Verzichtet wurde – anders als beim „Kunstland“ Rheinland-Pfalz – darauf das „Kunstland“ Sachsen-Anhalt in seine historischen Bestandteile aufzudröseln. (das hätte mir einfach zu lange gedauert)

Hier also die Platzierung der Regionen nach Herkunft (Geburtsort, frühe Kindheit, Kindheit/Jugend – nicht derzeitiger Wohnort) der 449 „deutschen“ Olympiateilnehmer:

Region                         Teilnehmer

  1. Rheinland             75
  2. Brandenburg        59
  3. Württemberg       38
    Hessen                  38
  4. Bayern                   33
  5. Sachsen                 32
  6. Westfalen             28
  7. Baden                    26
  8. Niedersachsen     25
  9. Hamburg              18
  10. Franken                14
  11. Sachsen-Anhalt   11
  12. Holstein                 9
  13. Thüringen             8
  14. Bremen                  6
  15. Saarland                5
    Pfalz                       5
  16. Mecklenburg        4
  17. Schleswig              2

Die an 449 fehlenden Teilnehmer kamen erst so spät in hiesige Gefilde, daß man auch mit bestem Willen nicht unterstellen kann, daß eine der hier benannten Regionen irgendwas dazu „beitragen“ konnten, daß sich der Teilnehmer seinem Sport zuwenden wollte. In der Regel übten sie vorher schon ihren Sport erfolgreich aus.

Was die Teilnehmerzahl angeht, liegt das Rheinland vorn, gefolgt von Brandenburg, Hessen und Württemberg. Die einzige Region, die keinen Sportler entsandte ist ein Teil eines Bindestrichlandes: Vorpommern (Das heutige Vorpommern ist mit 7.137 km² zwar größer als die Pfalz, hat mit weniger als 500.000 Einwohnern aber fast nur ein Drittel der Einwohner der Pfalz.)

Kommen wir nun zum Medaillen-Spiegel nach Regionen:

(Bei Mannschaftssportarten, wurde die Medaille eines jeden Sportlers gewertet)

Region                      Gold           Silber       Bronze

  1.  Rheinland              10               7               19
  2.  Sachsen                   9                4                0
  3.  Brandenburg          8                4 ´             9
  4.  Württemberg          3                 5                1
  5.  Niedersachsen        3                 3               5
  6.  Hessen                      3                 2               3
    Westfalen                  3                 2               3
  7.  Bayern                      2                 4               2
  8.  Baden                       2                 2               3
  9.  Thüringen                2                 0               2
  10.  Sachsen-Anhalt       1                 1                1
  11.  Schleswig                  1                 1               0
  12.  Franken                     1                0               3
  13.  Saarland                    1                0               0
  14.  Holstein                    0                2               1
  15.  Mecklenburg            0                2              0
  16.  Hamburg                   0                1              12
  17.  Bremen                      0                1               1
  18.  Pfalz                           0                1                1

Und hier die Übersicht nach Gesamtmetall:

Region              Medaillen

  1. Rheinland          36
  2. Brandenburg     21
  3. Hamburg           13
    Sachsen              13
  4. Niedersachsen  11
  5. Württemberg     9
  6. Bayern                 8
    Hessen                8
    Westfalen           8
  7. Baden                  7
  8. Franken              4
  9. Thüringen          4
  10. Holstein              3
    Sachsen-Anhalt 3
  11. Bremen               2
    Mecklenburg     2
  12. Pfalz                    2
    Schleswig           2
  13. Saarland             1

Aus dem Zyklus der unnützen Statistiken, aber für die wohlwollende, regionalbezogene Frotzelei am Stammtisch durchaus geeignet, hier eineAussagen zum Thema Effizienz:

Medaillenausbeute in Prozent

  1. Schleswig                          100,00 %
  2. Hamburg                             72,22 %
  3. Thüringen                           50,00 %
    Mecklenburg                      50,00 %
  4. Rheinland                           48,00 %
  5. Niedersachsen                   44,00 %
  6. Sachsen                               40,63 %
  7. Pfalz                                     40,00 %
  8. Brandenburg                      35,59 %
  9. Holstein                               33,33 %
    Bremen                                33,33 %
  10. Westfalen                            28,57 %
    Franken                               28,57 %
  11. Sachsen-Anhalt                 27,27 %
  12. Baden                                  26,92 %
  13. Bayern                                 24,24 %
  14. Württemberg                     23,68 %
  15. Hessen                                 21,05 %
  16. Saarland                              20,00 %

Und für die Leute die doch noch nicht anders können, hier eine Übersicht der Teilnehmerherkunft nach aktuellen, ebenso klassischen, wie oft auch künstlich zugeschnittenen Bundesländern:

Bundesland Teilnehmer

  1. Nordrhein-Westfalen                 89
  2. Baden-Württemberg                  64
  3. Bayern                                           47
  4. Hessen                                           38
  5. Sachsen                                          32
  6. Berlin                                              30
  7. Brandenburg                                 29
  8. Niedersachsen                               25
  9. Rheinland-Pfalz                            19
  10. Hamburg                                        18
  11. Sachsen-Anhalt                             11
    Schleswig-Holstein                       11
  12. Thüringen                                        8
  13. Bremen                                             6
  14. Saarland                                           5
  15. Mecklenburg-Vorpommern         4

…. und um sich die Medaillen pro Bundesland auszurechnen, benötigt man noch die Info, daß der Rheinlandanteil von Rheinland-Pfalz 2 Gold, 2 Silber und 2 Bronze und der Berlinanteil 2 Gold, 1 Silber und 7 Bronze beträgt.

 

#WirBrandenburger

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Der vergessene Feiertag: In dieser Woche feiern wir 858 Jahre Brandenburg -zumindest sollten wir das…

Der vergessene Feiertag:

Am 11. Juni 1157 erobert der Askanier Adalbert von Ballenstedt die Brandenburg aus den Händen von Jaxa von Köpenick – ein Fürst der slawischen Sprewanen.
1150 starb der letzte slawische, aber schon christliche Fürst der Heveller, Pribisław-Heinrich. Dieser hatte seinem ihm wahrscheinlich sogar freundschaftlich verbundenen „Nachbarn“, dem Markgrafen der Nordmark, Adalbert von Ballenstedt, die Burg und sein Fürstentum vererbt. Eine Freundschaft zwischen beiden kann angenommen werden, da Pribisław-Heinrich bereits 1128 dem Sohn Adalberts, Otto, die Zauche zum Taufgeschenk machte – liegt hauptsächlich im heutigen Landkreis Potsdam-Mittelmark.

Jaxa von Köpenick fühlte sich im Testament Pribisław-Heinrichs übergangen und eignete sich kurzerhand die Burg an, bis Adalbert sie sich am 11. Juni 1157 „zurückholte“. An diesem Datum – so sagt man – wurde aus der Nordmark die Mark Brandenburg.
Adalbert von Ballenstedt ist für uns Märker heute: Albrecht der Bär! Der 11. Juni 1157 gilt als Geburtstag der Mark.

Wir könnten also am 11. Juni dieses Jahres 858 Jahre Brandenburg feiern, zumindest sollten wir das. Leider haben die meisten Brandenburger dieses Datum nicht auf dem Schirm oder im Kalender; auch von offizieller und öffentlicher Seite geschah in den letzten Jahren an diesem Datum recht wenig – abgesehen vom Jahre 2007, da gab es zum 850. Geburtstag einige Fachveranstaltungen  und offizielle Akte, allerdings ruhte schon im Folgejahr der See in Brandenburg am 11. Juni still. So ist das leider in Brandenburg in Sachen Regionalbewußtsein und der landsmannschaftlichen Identität, die hier erfreulich anderen Gesichtspunkten folgen könnte als in vielen anderen Landstrichen.

Also:

Hie gut Brandenburg allwege und herzlichen Glückwunsch!

Wer sich traut, kann ja dieses Bild in Facebook-Titelgröße in dieser Woche über seiner Chronik thronen lassen:

11061157Brandenburgdatum

#AnotherEurope
#WirBrandenburger

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Lesen Sie Brandenburg!

Viele Menschen lesen gern historische Romane, vor allem dann, wenn sie gut recherchiert sind und in einem realen historischen Kontext stehen.

Die meisten dieser Menschen werden sich blendend in der Geschichte Frankreichs und Großbritanniens auskennen. Um nicht mißverstanden zu werden, es gibt phantastische Literatur aus diesen und über diese Länder. Aus der Uthred-Saga von Bernard Cornwell möchte wohl niemand einen der bisher erschienenen 7 Bände vermissen. Diese Reihe wäre eine dringende Empfehlung an alle, die sich für das frühmittelalterliche England interessieren. Aber gibt es nicht auch etwas Vergleichbares für Brandenburg. Es wäre doch gelacht, wenn es über ein Land aus dem Reigen der ältesten Länder in Mitteleuropa nicht eine Fülle historischer Romane gäbe! Es gibt sie leider nicht, die Fülle von Romanen; aber es gibt einige Romane. Vier davon sollen hier kurz erwähnt werden:
(Kurzbeschreibungen zum Inhalt finden Sie auf den verlinkten weiterführenden Seiten nach einem Klick auf die Abbildungen)

Brandenburg im 10. Jahrhundert:

Brandenburg im 12. Jahrhundert:

Brandenburg im 15. Jahrhundert:

Brandenburg im 17. Jahrhundert:

Noch mehr Leseempfehlungen rund um Brandenburg gibt es unter:

bb-buch.de

und

 

#WirBrandenburger

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Brandenburgbewußtsein – 11. Juni for Feiertag! (irgendwie muß man ja anfangen)

Angestoßen um die Diskussion zu Überlegungen der Brandenburger Landesregierung in Brandenburg den 8. Mai zu einem Brandenburgeigenen Feier-/Gedenktag zu erklärenn hier ein Gegenentwurf:

Wenn Brandenburg sich einen eigenen Feiertag gönnen möchte, dann vielleicht einen urbrandenburgischen und keinen der die Folgen gesamtdeutschen nationalistischen Wahns behandelt. In weiten Teilen bestimmen die dunklen Flecken, die Schattenseiten der Geschichte die deutsche Identität.

Ein solcher urbrandenburgischer Feiertag könnte der 11. Juni sein, in Gedenken an die Gründung der Mark Brandenburg im Jahre 1157.

Ich wundere mich immer wieder, wie sehr national fokussiert wir doch immernoch sind, obwohl wir wissen, was ein solches Denken Mitteleuropa eingebracht hat. Ein wenig mehr Regionalität und Regionalbewußtsein können da nicht schaden; auch im Sinne der Vorbeugung.

Dazu passend, ein Zitat von der Webseite des Deutschlandfunks aus einem Beitrag der auch unter der Überschrift „Art der Geschichtsschreibung im Wandel der Zeit“ stehen könnte:

„Weil Geschichtswissenschaft die längste Zeit, bis Mitte des 20. Jahrhunderts definitiv, eine sehr affirmative Geschichtswissenschaft gewesen ist. Eine Geschichtswissenschaft, die vor allen Dingen dazu diente, den Nationalstaat zu legitimieren. Erst in den 70er-, 80er-Jahren, wo eine kritische Geschichtswissenschaft sich Bahn brach, gab es auch eine Aufmerksamkeit für Orte, die nicht zur Legitimation des Nationalstaates dienen, und das ironische an dieser Entwicklung ist, dass wir unsere Identität heute vor allen Dingen aus diesen gebrochenen Orten beziehen. Früher haben diese gebrochenen Orte die Identität eher gestört und heute haben wir eher eine kritische Identität, die genau diese bösen Orte, diese Schattenorte braucht und daraus ihr Selbstverständnis bezieht.“

Quelle: http://www.deutschlandfunk.de/tagung…icle_id=312115

Gegen einen 8. Mai als Gedenktag ist an sich nichts einzuwenden, diesen aber dann bundesweit – obwohl ich hier gern den 9. November in Erinnerung rufen möchte, welcher für die nationale Geschichte sowohl Gedenk- als auch Feiertag wäre. Scham und Schande, Glück und Freude.

Die Provinz Brandenburg im entmachteten Freistaat Preußen hatte am Ausbruch und am Ende des Krieges keinen gesondert zu betrachtenden Anteil. Dies ist eine gesamtdeutsche, heute also bundesrepublikanische Bürde.

Dennoch finde ich den Ansatz einen brandenburgeigenen Gedenk- und Feiertag einzuführen sehr interessant und wichtig, aber eben zu einem Brandenburger Thema, nach Möglichkeit identitätsfördernd.

Ein brandenburgeigener Feiertag hat nach meinem Dafürhalten brandenburgexklusiv zu sein. Er sollte sich um ein brandenburgeigenes Thema drehen und auch geeignet sein die regionale Identifikation zufördern und somit Identität entwickeln helfen. Der 11. Juni bietet sich geradezu an, diese Aufgabe zu übernehmen.
(Der wahre Brandenburger kann – wenn er Deutschland nicht feiern möchte – auch schon heute am 3. Oktober Brandenburg feiern. Am 3. Oktober 1157 benutzte Albrecht der Bär zum ersten mal selbst den Titel Markgraf von Brandenburg, die Jahre zuvor hat er sich noch ein wenig geziert )

Es gibt alle zwei Jahre den Brandenburgtag, man könnte damit beginnen diesen auf den 11. Juni zu legen; fix. Beim letzten Brandenburgtag hat es ganze 2 oder 3 Brandenburgflaggen auf dem Festgelände gegeben, dies sogar nur auf Initiative Einzelner und nicht als Bestandteil der Organisation. Traurig!
Ferner meine ich, dass Europa vor einem Umbruch steht, nachfolgendes klingt aus heutiger Sicht vielleicht noch ein bisschen spinnert, aber ich wage mal eine Prognose für die nächsten 50 Jahre (friedliche Beilegung europäischer Krisen vorausgesetzt).

Ich denke, dass sich EU-Europa weiterentwickeln wird. zugleich  hoffe ich, dass es nicht in Richtung eines zentralistisch geführten Superstaats geht. An den heutigen Krisen in der EU kann man ziemlich genau beobachten, wie sehr nationales Denken immernoch geeignet ist Stimmung zu erzeugen und Menschen zu instrumentalisieren. Mein Wunsch wäre es, dass wir erkennen, das der Nationalismus ausgedient hat. Wenn der Franzose weiter auf seinem Frankreich besteht und der Deutsche auf seinem Deutschland und beide meinen das hübsch verpackte Konzerninteressen das französische oder deutsche „Interesse“ abbilden würden, ist das letztendlich auch nur eine weitere, moderne Form von alten Nationalismus.

Es gibt seit einigen Jahren, quer durch Europa ein Erstarken regionaler/regionalistischer Bewegungen. Die Schotten scheiterten bei einem Volksentscheid nur knapp daran, sich von Großbritannien lösen zu können. Die Katalanen, haben ähnliches vor, einige Bayern auch. Ebenso gibt es regionalistische Bestrebungen nach mehr Autonomie oder Unabhängigkeit in der Bretagne, der Normandie, in Okzitanien (im Prinzip der komplette Süden des heutigen Frankreichs), in  Venetien, der Lombardei, Sizilien und in Süd-Tirol sowieso – eigentlich in ganz Europa. Auch hier in Brandenburg (und in Sachsen) gibt es mit der Lausitzer Allianz eine Partei, die zwar noch nicht landesweit in Erscheinung getreten ist, ihren Fokus aber streng auf die Lausitz und die sorbisch/wendische Tradition legt. Mit dem Südschleswigschen Wählerverband sitzen Regionalisten in einer Landesregierung. In ganz Europa gibt es Regionalparteien die sich für ein Europa der Regionen einsetzen. Parteien denen es auf Föderalismus, Subsidiarität, Selbstbestimmung, Wahrung der regionalen Vielfalt in Sprache und Kultur sowie auf mehr Bürgernähe und Direktdemokratie unter einem europäischen Dach ankommt.

Ich halte dieses Europa der Regionen für die vorzuziehende Alternative gegenüber dem Europäischen Superstaat der sich unter deutscher Führung zu formieren droht und auf seinem Weg aber jede Menge sprengstoffgeladenen Momente bereithalten würde.

Wenn man von rechts und von links weiter auf die nationalen Schiene beharrt, die einen, um sie zu feiern, die anderen, um sie zu verdammen, ist eine Abkehr vom nationalen Denken als Grundlage des Handelns letztendlich unwahrscheinlich. Man sollte vielleicht anfangen so ein Thema nicht deutschlandzentriert, sondern europäisch zu sehen.

Weit ausgeholt für ein Brandenburgthema, aber ebenso, wie es ein Fehler ist, anzunehmen das man ein Deutschlandthema heute noch isoliert betrachten kann, wäre es auch ein Fehler ein Regionalthema nur isoliert zu betrachten.

Eine Unterstützung für den 8. Mai als brandenburgeigenen Feier-/Gedenktag richtet sich in seiner Zielrichtung aber wieder nur nach innen auf ein schon – wie ich eben meine – gut besetztes und bearbeitetes Feld, hat nichts zukunftsweisendes.

Eine Vorreiterrolle hätte Brandenburg, wenn es sich mit seinem EIGENEN Feiertag von der nationalen Schiene verabschiedet und seine Bürger anhält sich als Brandenburger in Europa zu fühlen.

Ich denke auch aktuelle Diskussionen würden um eine angenehme Perspektive erweitert, wenn uns Brandenburgern unsere Historie wirklich bewußt wäre und wir uns dieser auch ein wenig verpflichtet fühlten.

In unserem schönen Land gibt es zuhauf Ortsnamen die auf „-ow“, „-in“ oder „-itz“ enden, Es gibt Orte denen ein „Klein“ vorangestellt ist. Alles Hinweise auf einen slawischen Ursprung der Siedlung.

Ja, während der (früh)mittelalterlichen Ostsiedlung bekämmpften sich die Eliten, die einfache Bevölkerung vermischte sich aber.

Nationalisierende Geschichtsschreibung reduziert den Kampf auf „Deutsche gegen Slawen“; früher, um eine Sieg zu feiern und den nationalen Gründungsmythos zu untermauern, heute um das Ganze einfach nur zu verdammen. Beide Seiten unterschlagen dabei aber, daß auch polnische Fürsten gegen die hier siedelnden Slawen vorgingen. Es war eben kein Kampf „deutsch“ gegen „slawisch“ sondern „christlich“ gegen „heidnisch“.

Und dennoch, auch unter den Eliten gab es friedliche Verbindungen. So wurde die Gründung der Mark – so, wie sie von statten ging – erst möglich weil ein slawischer, aber schon christlicher Fürst, Pribislaw-Heinrich, mit Sitz auf der Brandenburg, den Askanier Albrecht von Ballenstedt als Erben einsetzte. Zuvor machte dieser Pribislaw-Heinrich dem Sohn Albrechts, der spätere Markgraf Otto I., die Zauche (liegt im heutigen Landkreis Potsdam Mittelmark) zum Taufgeschenk.

Seitdem war Brandenburg das, was man in der Moderne ein Einwanderungsland nennen könnte, in dem das vorherrschte was man heutzutage als Integrationskultur definiert – hier gab es schon „multikulti“, bevor das Wort dafür kreiert wurde – immer aber unter einem belastbaren Wertekanon (das scheint mir heute zu fehlen).  Dies war so in der Mark Brandenburg und später auch in Preußen, bis, ja bis es später auf einmal wichtig wurde vor allem „deutsch“ zu sein. Damit fingen die Probleme an.

Der ständige Zustrom von Menschen die Zuflucht oder nur ein besseres Leben suchten war prägend für unseren Landstrich. Wir sind – so meine ich – gerade wegen unserer Entstehungsgeschichte und der multikulturellen Ausrichtung bis ins 19. Jh hinein eigentlich weniger „deutsch“ als viele andere deutsche Länder; in jedem Falle weniger als das so mancher wahr haben möchte.  Wir sind eine herrliche Promenadenmischung!

Unser Landstrich könnte auch als Brücke begriffen werden zwischen Ost und West. Es gibt in der Geschichtswissenschaft den Begriff „Germania Slavica“ es bezeichnet neben anderem auch unsere Gegend und grenzt unsere „Ecke“ vom sonst römisch geprägten Rest der deutschen Länder ab. Zu Recht, wie ich finde. Es gibt da bis heute klar erkennbare Mentalitätsunterschiede, die nicht zwingend nur mit 40 Jahren DDR zu erklären sein müssen.

Warum „nicht Deutschsein“ ein Makel sein soll, erschließt sich mir nicht. Geboren wurde dieser Makel aber wohl im 19. Jh. Es gibt eine interessante Studeienarbeit mit dem Titel „Polen in Preußen – Zur preußischen Polenpolitik im 19. Jahrhundert„, die diese Thema berührt. Darin wird u.a. auch die Erhebung der Daten für den preußischen Zensus beschrieben. Interessant ist der Wandel einzelner Fragestellungen. Am Anfang wurde lediglich nach den Sprachen, die man sprach gefragt (Zweisprachigkeit war in weiten Teilen des frühen Brandenburgs und später auch in Preußens usus). Irgendwann wurde explizit gefragt ob man „auch Deutsch“ sprach. Am Ende wollte man wissen, ob  „Deutsch“ die Muttersprache ist, die anderen Sprachen waren nachrangig.

Alles Nichtdeutsche wurde mehr und mehr ein Makel. Auch hier in Brandenburg, aber doch erst ziemlich spät, im 19. Jh..

Das Ende des Liedes ist, das heute Neonazis mit Nachnamen, die womöglich auf „–itz“ und „–ow“ oder „-owski“ enden, Jagd auf Sorben machen, weil Sie meinen die „deutsche Sache“ verteidigen zu müssen.

Mit ein wenig Geschichtswissen würden diese vermeintlich reindeutschen Arier vielleicht aber wissen, daß sie die Eindringlinge und Fremdkörper sind, die hier in einem Gebiet ihr Unwesen treiben, das aus einer Vermischung von Slawen und Germanen entstand. Sie würden vielleicht auch dahinter kommen, daß sie – wenn sie selbst waschechte Brandenburger sind – ebenso eine Promenadenmischung sind. Damit die sich aber so richtig bekloppt fühlen können, müßten auch alle anderen Brandenburger ein wenig mehr über ihre Heimatgeschichte wissen.

Mit Kenntnis des historischen Hintergrunds wäre den Nazispackos vielleicht bewußt, was es mit der Besiedelung der späteren Mark Brandenburg auf sich hatte, daß die ersten Brandenburger eine Mischung aus frühmittelaterlichen Slawen und fühmittlealterlichen Sachsen waren (nicht die Sachsen aus dem Süden, damals lag Sachsen noch im Westen ). Daß wir Brandenburger eine – ich wiederhole es gern – bunte Promenadenmischung sind und auch über die Jahrhunderte blieben und sie würden vielleicht wissen, daß auf dem heute Brandenburger Gebiet der ehemaligen Mark Lausitz der letzte sichtbare Beweis von etwas lebt, das so seinerzeit in der gesamten späteren Mark Brandenburg anzutreffen war und der uns Brandenburger Hinweis auf unsere Frühgeschichte gibt. Sie würden wissen, daß nicht „unsere Vorfahren“ hier auf Slawen trafen, sondern daß Slawen und Germanen hier zu den Vorfahren waschechter Brandenburger wurden.

Wenn wir uns also auf den Weg in ein neues Europa machen möchten, so gehört dazu nicht nur ein europäisches Bewußtsein, sondern eben auch ein Regionalbewußtsein. Und da man irgendwo anfangen muß, schlage ich vor den 11. Juni in Brandenburg zum Feiertag zu erheben.

Literaturempfehlungen zum Thema:
Wie die Mark entstand: 850 Jahre Mark Brandenburg (erhältlich z.B. im Landesarchäologischen Museum Brandenburg)

Der Wandel um 1000

Transformationen und Umbrüche des 12./13. Jh.

 

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Kurzer Einwurf: Recht auf trerritoriale Integrität versus Selbstbestimmungsrecht

Rede Dr. Gregor Gysis (Die Linke) am 13. März 2014 im Bundestag zur Krim-/Ukrainekrise

Stimme der Linken und Herrn Gysi in der Analyse und auch bei den meisten Schlußfolgerungen zu; nur in einem Punkt habe ich eine andere Auffassung. In der Bewertung des Rechtes auf territoriale Integrität. Dieser Begriff fällt zwar nicht in der Rede, meine aber, daß er auch bzw. vornehmlich gemeint war, wenn das Völkerrecht erwähnt wurde. Ja, es gibt wohl ein Recht auf territoriale Integrität, es sollte heutzutage wohl vornehmlich eine Abwehr von Angriffen von außen rechtfertigen und ermöglichen, Und bei „Angriffen“ von innen? Da steht das Recht auf territoriale Integrität womöglich dem Selbstbestimmungsrecht gegenüber (welches ich eng betrachtet als Recht der Völker, Volksgruppen und Bevölkerungsteile oder Bewohner einer Region auffassen wollte). Wenn ich diese zwei Rechte nun gegeneinander abwiegen müsste und entscheiden müsste welches Rechtsgut höher zu bewerten ist, würde ich meinen, daß bei einem „Angriff von innen“ das Selbstbestimmungsrecht höher zu bewerten ist als das Recht auf territoriale Integrität des übergeordneten „angegriffenen“ Subjekts. Die Linke hat da offensichtlich eine andere Auffassung.  Für mich ist es aber so, daß die Rechtfertigung das Recht auf territoriale Integrität über das Recht auf Selbstbestimmung zu stellen, sich aus einem Verständnis und einer Zeit ableitet als der Souverän noch ein Monarch war. Dort wo das Volk, der Wähler der Souverän ist, sollte das Selbstbestimmungsrecht gewichtiger sein. So wäre es dann auch im gewissen Sinne Aufforderung an die Mandats- und Amtsträger, möchte man territoriale Integrität erhalten, sich in ihren Entscheidungen und Handeln hauptsächlich an den verschiedenen Bedürfnissen des Souveräns zu orientieren. Man sollte meinen, daß der Souverän diese Stellung schon heute inne habe, wie wir alle wissen, hat er das aber nicht. Mit einer anderen Auffassung von der Gewichtung dieser beiden Rechte würde das Selbstbestimmungsrecht zum Lobbyersatz bzw. –Gegengewicht. Ja, und im Zweifel bedeutet dieses Recht halt Sezession.

Interessanter Artikel zum Thema andernorts (EU-Infothek):
Ein demokratisches Europa sollte auch Sezessionen erlauben

Video der Europäischen Freien Allianz, EFA (Europapartei) zum Thema Selbstbestimmungsrecht.

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Wie bitte!? – Wer, macht was, für wen?

Es sind die vielen Kleinigkeiten, die das Große und Ganze ins Wanken bringen, oder die Ausdruck dafür sein können, daß das Große und Ganze längst am Boden liegt. Während wir aufgescheucht werden, uns über die Griechen oder die italienischen Wahlen zu mokieren, wird unser eigenes Gemeinwesen peu à peu in Wirkung und Funktion auf den Kopf gestellt und niemand stört sich daran….

Fast ging es unter, einige werden es nicht mitbekommen haben, aber uns wurde vergangener  Woche ein Erfolg verkündet. Ein Sieg der Interessen der Bürger! Alle Beteiligten im Vermittlungsausschuß waren und sind sich einig.  Ein Gewinn für alle Bürger unsere Landes. So konnte man es den Meldungen entnehmen.

Worum ging es? Es beginnt bei der letzten Fußball EM 2012. Während des Halbfinalspiels Deutschland-Italien entschied das nur minimal besetzte bundesdeutsche Parlament, daß Meldeämter die Adressen der Einwohner an Adresshändler verkaufen dürfen, es sei denn, der Einwohner widerspricht dem. Im Bundesrat stieß dieses Gesetz auf Ablehnung. Also wurde ein Vermittlungsausschuß einberufen und dieser hat nun seine Arbeit beendet und uns oben genannte Lobhudelei verkündet. Nun ist es so, daß die Meldeämter persönliche Daten der gemeldeten Einwohner nur dann herausgeben dürfen, wenn diese vorher der Weitergabe ausdrücklich zugestimmt haben. Klingt doch toll, ist doch alles im Lot, oder? Interessant dabei auch: Gemeldet und berichtet wurde „herausgeben“ gemeint war aber „verkaufen“.

Wie bitte?!

MEINE Verwaltung ist jetzt offizielle Anlaufstelle für Adresshändler?!

Der einzig verkündbare Erfolg, der einzige zu erklärende Sieg, der einzig mögliche Gewinn wäre der gewesen, klar zu machen, daß unsere Einwohnermeldeämter niemals eine Anlaufstelle für Adresshändler sein werden, daß es den Meldeämtern strikt verboten ist die Daten IHRER Bürger an Unternehmen herauszugeben.

Mal schauen wie sich das entwickelt. Vielleicht gibt es ja ein Bonussystem? „Sie möchten Einen Ausweis? – Der kostet 28,80 €, wenn Sie der Weitergabe Ihrer Daten zustimmen, kostet er aber nur 17,90 €, wenn Sie uns noch 4 Verwandte oder Nachbarn nennen, die Ihre Daten auch freigeben würden und diese es auch tun, erhalten Sie den Ausweis kostenlos.“ So etwa?

Oder: „Sie haben falsch geparkt, das macht 15 €; stimmen Sie der Weitergabe Ihrer Daten zu, kostet´s die Hälfte“

Auch folgende Frage ist in dem Zusammenhang interessant:

Wenn der Vermittlungsausschuß nun den rechtlichen Rahmen abgesteckt hat, ist im konkreten Falle eine Verwaltung dennoch so frei zu sagen: „Nein, kommt nicht in Frage, wir wollen keine Anlaufstelle für Adresshändler sein!!“? Oder hat nun ein Adresshändler einen Rechtsanspruch, Verwaltungen dazu zu zwingen die Frage nach der Einwilligung zu stellen und wenn es doch ein paar „Trottel“ gibt, die einwilligen,  kann die Verwaltung nun gezwungen werden die Daten zu verkaufen?

Die Idee den Kommunen auf diese Weise Geld zukommen zu lassen  mag rationalem Denken entspringen, aber:

Rationalität ist nicht gleich Vernunft

Vernunft ist eine gedachte, akzeptierte und vor allem verstandene Schranke, die der reinen Rationalität die Grenzen aufzeigt.

Rationalität ohne Vernunft ist mitunter unanständig, ist das Gesetz des Dschungels .

Auch in ehrendem Gedenken an den verganger Woche verstorbenen Stéphane Hessel  erkläre ich also:

Ich empöre mich!

P.S. Der aktuelle Volksentscheid in der Schweiz zur Begrenzung der Managerboni verdeutlicht, was uns mittlerweile fehlt oder gar mittels mannigfaltiger Argumentation als selbstverständlich fehlend begründet wird. Die Macht des Volkes, eine wahre Interessenvertretung der Wähler. Was wir haben sind Erklärbären, die uns sagen, warum wir das ganz anders sehen müssen, Vertreter die oft in die falsche Richtung vertreten.

Der Souverän eines Gemeinwesens gewährt allen Akteuren die Möglichkeit innerhalb seines Gemeionswesens zu agieren, dieser und niemand anderes. Wenn  es ein Akteur mal übertreibt, weist der Souverän ihn in die Schranken. Bei uns Wunschdenken, klingt ja auch weltfremd, oder?

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Warum ich mit dem Nationenbegriff hadere – Oder: Über die Fragilität einer unumstößlich geglaubten Tatsache

Persönlich kann ich mit dem Begriff „Nation“ recht wenig anfangen. Meine Nationalität stiftet mir wenig Identität und eignet sich für mich auch sonst nicht, daraus irgendwelche Vorrechte oder besondere Pflichten abzuleiten.

Warum das so ist? Ein Versuch der Erklärung:

Die Geschichte der Nationalbewegungen ist bisher eine recht kurze Geschichte. Nach dem Ende der napoleonischen Kriege beginnt diese Strömung in den deutschen Ländern an Gewicht zu gewinnen und gipfelt zunächst in der 1848er Revolution. Als fortschrittlich und liberal galt, wer national gesinnt war. Spielte bis Napoleon das Deutsche nur eine untergeordnete Rolle – man sprach Deutsch, war aber Bayer, Preuße, Sachse, Österreicher – wurde  das Nationalbewußtsein nun Bestandteil einer demokratisch-republikanisch gesinnten Bewegung gegen die traditionelle, monarchistische Vielstaaterei im vorwiegend deutschsprachigen Mitteleuropa.

Man definierte sich über das Deutschsein – was im Gegensatz zu heutigem, gewandelten  nationalem Denken aber auch mit dem Willen zu Reformen und Demokratie verbunden war. Es sollte für das ganze ehemalige Heilige Römische Reich das verbindende Element werden. Was die einen verbindet, entzweit die anderen. War es in Preußen bisher selbstverständlich verschiedene Sprachen zu sprechen, wurde es von nun an immer wichtiger auch deutsch zu sprechen – nur um nicht ausgegrenzt zu werden.

Dabei ist das identitätsstiftende Moment des deutschen Nationenbegriffs viel willkürlicher, künstlicher, ja ich möchte sagen, gekünstelter als die Übereinkünfte einer Wertegemeinschaft frei von ethnischen Schranken.

Im Gegensatz zum Nationenbegriff, wie er in der Geschichte bis heute zum Beispiel in den Vereinigten Staaten oder Kanada verwendet wird, bezieht er sich in deutschen Landen auf ethnische Aspekte (und entspricht damit der in Deutschland gültigen Definition einer Nation). Andernorts steht „Nation“ für einen Zivilgesellschaft, die sich unter bestimmten Wertvorstellungen vereint und allen Beteiligten, gleich welcher ethnischen Herkunft, diese Werte als Richtschnur gelten und sie verteidigen lassen. Volksgemeinschaft versus Willensgemeinschaft!

Anhand zweier Beispiele möchte ich aufzeigen wie willkürlich die Zuordnung eines Menschen zu einer Nation ist und somit auch, um wie viel schwächer ein Bekenntnis zu einer Nation ist als ein Bekenntnis zu Werten und ethischen Grundsätzen.

Gehen wir gedanklich mal in den Osten des alten Preußen – nach Pommern und Ostpreußen. Zur Zeit der aufkommenden Nationalbewegungen lebten dort auch Kaschuben und Masuren. Ein polnischer Staat existierte nicht, gleichwohl oder auch deshalb gab es aber eine starke polnische Nationalbewegung.

Die Kaschuben waren nach ethnischen Gesichtspunkten mit allem ausgestattet, was zur Gründung einer eigenen Nation von Nöten gewesen wäre. Sie waren eine selbstständige Ethnie mit eigener Sprache und eigenen kulturellen Traditionen – und sie waren katholisch. Die aufkommende kaschubische Nationalbewegung konnte sich aber nicht gegen die in der Region ebenfalls wachsende polnische und deutsche Nationalbewegung durchsetzen. Wie wir heute auf der Landkarte Mitteleuropas sehen, gibt es keine kaschubische Nation, die Kaschuben wurden mehrheitlich, nur aufgrund ihrer Religion, zu Polen und das, obwohl Polen zu der Zeit garnicht existierte. Die Masuren wiederum – ethnisch gesehen Polen – waren evangelisch. Das allein reichte aus, um sie mehrheitlich Deutsche werden zu lassen. Da stößt wohl jede Blut-und-Boden-Theorie oder sonstige völkische Schwärmerei an ihre Grenzen.

Das zweite Beispiel ist etwas persönlicher. Dazu gehen wir gedanklich in ein anderes preußisches Gebiet im Osten, Schlesien. Den Namen könnte die Region von einem Teilstamm der einwandernden germanischen Vandalen haben, den Silingern.  Dennoch war Schlesien lange Zeit slawisch geprägt. Böhmisch-mährische Herrscher und polnische Fürsten rangen um die Vorherschaft in Schlesien. Später gelang es als „Nebenland der Krone Böhmen“ unter die böhmischen Könige aus dem Hause Habsburg und wurde somit ein Teil der Habsburger Monarchie (sehr verknappt dargestellt).

Eigene Ahnenforschung hat  dazu geführt, daß ich in meiner „schlesischen Linie“ über einen recht gut belegten Stammbaum bis zum Jahre 1675 verfüge. 1675 war Schlesien bereits Teil der Habsburger Monarchie. Daß ein Schlesier von sich immer behaupten würde er sei Schlesier, sonst nichts, lasse ich für nachfolgende Betrachtung mal außer Acht.

Vor dem Hintergrund des heutigen Nationenverständnisses, was waren meine schlesischen Vorfahren 1675? Böhmen? Österreicher? Habsburger???

1740 kam dann der Alte Fritz und machte Schlesien zu einer preußischen Provinz. Meine Vorfahren blieben Schlesier,  aus „Österreichern“ wurden aber nun  Preußen! Preußen definierte sich nicht über den heutigen Nationenbegriff, daher kann man das vermutlich so stehen lassen.

Da aber die meisten Zeitgenossen – ich nicht – heute Preußen mit „deutsch“ gleichsetzen und so tun als ob es Nationen nach heutigem Verständnis schon immer gab, kann ich festhalten, daß demnach aus Österreichern, Deutsche geworden sein müssen ( der Zeitgeist übersieht hier regelmäßig, daß für die meisten Europäer damals Österreich ganz selbstverständlich eines der vielen deutschen Länder war)

Ebenso interessant wird es 230 Jahre später, zur Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Wie damals üblich, hatten auch meine schlesischen Vorfahren viele Kinder, im Durchschnitt 8. Daß man sich als Schlesier des frühen 20. Jahrhundert grundsätzlich weder als rein deutsch oder rein polnisch verstand (Polen existierte da seit 1795 nicht mehr), könnten die vergebenen Vornamen der Geschwister und Cousin(s)(en) belegen. Mein Großvater, 1907 geboren, hieß Franz, ein Bruder Paul ein anderer Idzi – deutsche und polnische Vornamen also. Auch unter den Verwandten gab es Vornamen verschiedener sprachlicher Herkunft, Elisabeth und Elzbieta, Paul und Pawel, Franz und Franciszek. Spannend wurde dann die Entwicklung nach dem 1. Weltkrieg. Meine Urgroßeltern, Urban und Agnes, waren Unternehmer – Brunnenbau, Spedition und Landwirtschaft. Nach den Volksabstimmungen 1921 würden sie in dem Teil Schlesiens wohnen, der bei Preußen/Deutschland verblieb. Meine Urgroßeltern verspürten wenig Lust als Unternehmer in einem Land tätig zu sein, welches horrende Reparationsleistungen zu bewerkstelligen hatte. Also entschied man sich einer Tochter zu folgen, die in einen knapp 20 km entfernten Ort heiratete.(**siehe Nachtrag am Ende) Ein Ort der nun polnisch werden sollte. Haben meine Urgroßeltern ihr Land verraten? Welches Land? Sie waren und blieben Schlesier. Nach heutigem Verständnis wären mit diesem Umzug aber aus Deutschen Polen geworden. Wie irrsinnig die Zuordnung zu Nationen ist  zeigt dann die Entwicklung nach dem 2. Weltkrieg. Je nach persönlicher Präferenz “entschieden“ sich die Familien der Geschwister und Vettern im Laufe der Jahrzehnte  für die eine oder andere Nationalität; mit allen Konsequenzen. In und nach dem 2. Weltkrieg führte das zu Rissen quer durch die Familien, einige heilten nicht bis zum Ableben der Betroffenen. Ob die Vornamen meiner Vorfahren in den mir vorliegenden Unterlagen rückwirkend germanisiert oder polonisiert wurden, so daß die nun polnischen Ahnen auch polnische Namen trugen und deutsche Ahnen deutsche, weiß ich nicht. Wenn nicht, so erweckt es den Anschein, daß sich  jene mit deutschen Vornamen für Deutschland, jene mit polnischen, für Polen entschieden. So oder so, ein armseliges Argument für das Nationalbewußtsein einer Person!

Ebenso aufschlußreich ist es, einen früheren Zweig der gleichen Linie zu betrachten. Meine Ahnenforschung hat mir neue Verwandtschaft eingebracht – entfernt, aber verwandt. Ich stehe mit einem älteren Herren aus Vermont (USA) in Kontakt, wir reden einander, wie in dieser Konstellation im Englischen wohl üblich, mit „dear Cousin“ an.  Von mir aus gesehen 7 Generationen zurück, von ihm aus gesehen 6 Generationen zurück, haben wir in direkter Linie gemeinsame Vorfahren. Ein Ehepaar, Er 1755 und Sie 1762 geboren – also in der preußischen Provinz Schlesien – hatte mehrere Kinder. Von einem stammt mein neuer Verwandter ab, von einem anderen stamme ich ab. Daß er sich heute als US-Amerikaner betrachtet, sollte nicht weiter verwundern, entspricht das amerikanische Verständnis von „Nation“ doch dem, was man eine Willensnation nennt. Ich bin Brandenburger und gelte damit wohl als Deutscher. Mein Verwandter überm Teich ist aber organisiert bei den „Polish Origns“, Amerikanern mit Polnischen Wurzeln. Seine Vorfahren wanderten 1835 nach Minnesota aus, zu einer Zeit also, als in ganz Europa die Nationalbewegungen erstarkten. Das was man „fühlte“, „war“ man – Schlesier, Deutscher, Pole oder Preuße – je nach Ausrichtung und politischer Präferenz. Die Nachfahren unserer gemeinsamen Vorfahren fühlten sich auf seiner Linie offensichtlich polnisch, auf meiner fühlte man sich deutsch. Eine Wurzel, zwei verschiedenartige Blüten? Sehr willkürlich das Ganze, oder?

Ich meine, daß sowohl das neutrale Beispiel der Kaschuben und Masuren und das persönliche (somit vielleicht etwas subjektive) Beispiel meiner Vorfahren zeigt, daß die Zugehörigkeit zu einer vermeintlichen  Volksgemeinschaft und somit „Nation“, tatsächlich auch nur ein Bekenntnis ist, genauso wie die Zugehörigkeit zu einer Willensnation; nur, daß nach meinem Dafürhalten eine Volksgemeinschaft ohne Werte ohne gemeinsame Ideale auskommen kann, eine Willensnation aber nicht. Diese fußt auf Werten und Idealen. Es ist egal woher man kommt, wofür man eintritt ist entscheidend. An einem bestimmten Ort geboren worden zu sein, ist an sich keine Leistung, aus der man irgendwelche Vorrechte ableiten sollte; die kulturellen Besonderheiten seines Geburts- oder Lebensortes anzunehmen, den Wertekanon der dort Ansässigen anzunehmen, zu teilen und zu verteidigen aber durchaus. Im Heute scheint das allerdings gar nicht so leicht, weil ein solcher Wertekanon, wie mir scheint, selbst den Autochthonen nichts bedeutet.

In meinen Augen ist nationales Denken, nachdem es womöglich einen fortschrittlichen Ursprung hatte, recht bald zu einem äußere Einflüsse  abwehrenden Denken geworden, diese Abwehr führte und führt, so fürchte ich – über kurz oder lang immer zu Nationalismus und in Konsequenz womöglich zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Ungleich reizvoller wirkt da auf mich ein wertebasiertes Denken – eine wertebasierte Gesellschaft erscheint mir wesentlich offener und zunächst empfänglicher für äußere Einflüsse.  Was nützt es mir in einer Gemeinschaft zu leben, in der zwar das „gleiche Blut“ fließt, aber dies auch schon das Ende aller Gemeinsamkeiten sein kann. Eine Willensnation/-gemeinschaft, ein Wertebund ist ungleich belastbarer und erscheint mir um Längen verteidigungswürdiger. Bei dem einen verteidigt man Blut und Boden, bei dem anderen den Geist und den Boden auf dem er sich entfaltet – nach innen und nach außen.

Nationales Denken hatte seine Zeit und seine Aufgabe. Die hat es erfüllt, blieb dann aber stehen und führte zu Nationalismen und Krieg. Es wird Zeit sich wieder von nationalem Denken zu verabschieden, nicht zurück zur Vielstaaterei, auch nicht hin zu einem europäischen Superstaat ohne landsmannschaftliche Identität, sondern vorwärts zu einem neuen, offenen, regionalen, Bewußtsein, verbunden mit einem verteidigungswürdigen Wertekanon in einem Europa der Regionen. Hin zur Definition über Geist und Wert, weg von der Definition übers Blut – die wie dargestellt, an allen Ecken und Enden in Frage gestellt werden kann.

Brandenburg und später Preußen sind insofern ein schönes Beispiel für das hier Behauptete, als daß sie in ihrer Blüte auch ganz gut ohne einen Nationenbegriff auskam. Brandenburg und Preußen waren multikulturell bevor es das Wort überhaupt gab, jeder sollte nach seiner Façon selig werden, aber alles unter einer starken Staatsfaçon. Wobei „Staat“ hier nicht für eine Nation, sondern für eine Staatsidee steht. Und so ende ich mit dem vielleicht berühmtesten Zitat Christopher Clarks.

„Preußen war ein europäischer Staat, lange bevor es ein deutscher wurde. Deutschland war nicht die Erfüllung Preußens, sondern sein Verderben.“

** Nachtrag vom 2. März 2015: Eher zufällig bin ich heute (2. März 2015) auf einen Zeitzeugenbericht aus dem Dorf meines Urgroßvaters gestoßen. Demnach sind wohl einige Einordnungen zu korrigieren. Laut Zeitzeugenbericht gehörte mein Urgroßvater zu den zwei sich offen zu Polen bekennenden Dorfbewohnern. („Der Zementwarenfabrikant Urban Mainka“) ein Umzug aufgrund der im Bericht beschriebenen Repressalien scheint daher wahrscheinlicher als allein aus wirtschaftlichen Überlegungen.

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Schwieriges Thema: Flucht und Vertreibung

  1. April 2012

Schwieriges Thema: Flucht und Vertreibung

Auf einer Tagung in Berlin ging es im Februar um die Antwort auf die Frage, ob die Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg Unrecht war. Nachfolgend eine Betrachtung zum Thema.

 

Zu Beginn jedoch noch eine kleine Anmerkung. Bei der Behandlung dieses Themas läuft man all zu schnell Gefahr vorschnell in eine bestimmte politische Ecke gestellt zu werden. Ich hoffe, daß nachfolgender Text dazu keinen Anlaß gibt. Es soll der Versuch angestellt werden das Thema um einen Aspekt zu erweitern, den ich in den meisten Diskussionen diesbezüglich vermisse beziehungsweise nicht ausreichend gewürdigt sehe.

Darf man der Berichterstattung zur Tagung Glauben schenken, so lautete das Resümee, daß die Betroffenen der Vertreibung letztendlich – womöglich auch nur im übertragenen Sinne – aufgrund deutscher Kriegsschuld, -taten und -gräuel, selbst Schuld an der Vertreibung mit ihren Begleiterscheinungen tragen.

Das auf besagter Veranstaltung gezogene Resümee ist ja nun keine neue Erkenntnis, sondern im gewissen Sinne schon lange Bestandteil der Staatsraison Deutschlands – leider.

Die Diskussion darüber scheint mir aber sehr schräg und unter untauglichen Grundannahmen zu laufen. Sowohl auf Seiten der Befürworter als auch auf Seiten der Gegner eines solchen Resümees.

Nach meinem Dafürhalten, diskutieren alle Seiten unter Verwendung falscher Voraussetzungen. Daß dies die Befürworter des „Selber-schuld“-Urteils tun, ist verständlich, benötigen sie diese Annahmen doch, um zumindest oberflächlich eine einigermaßen logisch erscheinende Argumentationskette aufbauen zu können. Daß die Gegner dieses Urteils – und  hiermit meine ich ausdrücklich nur jene, die dem demokratischen Spektrum zuzurechnen sind –  sich in eine solche Diskussion drängen lassen, löst bei mir ein wenig Verwunderung aus.

Jemand tut einem Anderen etwas an – diesem steht dafür eine Entschädigung zu. Das stimmt, das ist ein Gebot der Vernunft und das ist logisch – hat aber mit der Sache, um die es hier geht, rein garnichts zu tun.

Der Fehler beginnt schon bei jenen, die das Resümee für falsch halten. Wo genau? Hier!: Man betrachtet die Geschehnisse im Grunde sehr egozentrisch! Wenn man es schafft für die Bewertung der Sachlage – so schwierig es sein möge – das eigene Schicksal außer Acht zu lassen und nur die betreffende politische Großwetterlage zu betrachten, erhält man eine Basis, auf welche sich die in einigen Augen vernünftige, gerechte Schlußfolgerung quasi von allein aufbaut.

Zunächst sollten man, so meine ich, zwei Dinge trennen: den Verlust von Hoheitsrechten – also die Abtretung von Staatsgebiet und die Vertreibung.

Sich verändernde Grenzverläufe hat es über die Jahrhunderte immer gegeben (Lothringen, Saarland, Schleswig, Schlesien nach dem 1. Weltkrieg). Was es in diesem Maße aber noch nicht gab ist die forcierte Flucht bzw. staatlich organisierte Vertreibung.

Ich meine, daß der Verlust der Ostgebiete belegbar nichts mit der zweifelsohne vorhandenen deutschen Kriegsschuld und den durch Deutsche und Deutschland dem polnischen Volk zugefügtem Leid zu tun hat. Aber der Reihe nach!

Am Vorabend des Zweiten Weltkrieges verbündeten sich bekanntermaßen Hitlers Deutschland und Stalins Sowjetunion. Im geheimen Zusatzprotokoll dieses Vertrages (Hitler-Stalin-Pakt / Ribbentropp-Molotow-Abkommen) wurde Europa unter beiden aufgeteilt.

Die Sowjetunion war also Verbündeter Deutschlands. Es gab Offizieraustauschprogramme, sowjetische Waffenschmieden fertigten Kriegsmaterial in deutscher Lizenz, Getreidelieferungen u.v.m.

Am 1. September 1939 greift nun Deutschland Polen an und marschiert ein. Am 17. September greift die Sowjetunion, gemäß Absprache, als deutscher Verbündeter ebenfalls Polen an. Es gibt Filmaufnahmen die zeigen Wehrmacht und Rote Armee bei „feierlichen Stadtschlüsselübergaben“ in den Fällen, in welchen eine Armee „versehentlich“ zu weit in das Interessengebiet des Bündnispartners vorgedrungen ist. An DDR-Schulen wurde dieser sowjetische Einmarsch übrigens als Befreiung Polens gefeiert.

Zusammengefaßt kann und muß man also sagen, Deutschland und die Sowjetunion sind die Täter und greifen gemeinsam Polen an – eindeutig das Opfer.

Schaut man sich nun an, was mit Polen nach dem Krieg geschah, müssen wir uns eigentlich die Augen reiben, weil es mit Vernunft, Gerechtigkeitsempfinden und Logik einfach nicht zu begründen ist.

Das eindeutige Opfer Polen soll Gebiete an die Sowjetunion abtreten. Gebiete die ziemlich genau der sowjetischen Interessenlage wie sie im geheimen Zusatzprotokoll des Hitler-Stalinpaktes beschrieben wurden entsprechen. Das Ziel ethnischer Homogenität für die Legitimierung von Völkerrechtsverstößen, um eine Korrektur der Grenze aus dem Frieden von Riga 1921 zu erreichen, darf in meinen Augen kein Argument sein, um diese Gebietsabtretungen irgendwie legitimieren zu wollen. Die Grenzen Polens waren vor dem Krieg völkerrechtlich anerkannt und im konkreten Fall ist der Frage nach „Volkstums- und Sprachgrenzen“ nach meinem Dafürhalten keine Bedeutung beizumessen. Zumal die Ostgrenze Polens bei dessen Neugründung nicht ethnischen oder sprachlichen Gesichtspunkten folgte, sondern vielmehr der Gründungsidee Pilsudskis, einen förderalen,
multiethnischen Staat nach historischem Vorbild zu schaffen, entsprach.

Curzons Vorschlag und britischer Standpunkt während des 2. WK paßten lediglich sehr gut zu den sowjetischen Territorialinteressen. 1921 sahen einige Offizielle in Großbritannien in den polnischen Erfolgen in den Grenzkriegen übrigens noch die Rettung des Westens vor dem Kommunismus.

Auf der Teheran-Konferenz 1943 wurde unter anderem die neue Grenze zwischen Polen und der Sowjetunion im Nachkriegseuropa festgelegt.
Stalin hatte also gegenüber den Alliierten USA und GB die Durchsetzung der die Sowjetunion betreffenden Inhalte eines Vertrages, welchen er mit Hitler geschlossen hatte, gefordert und war damit erfolgreich. Das an sich ist schon ungeheuerlich. Also entschied man sich Polen wenigstens mit einigen deutschen Ostgebieten zu „entschädigen“. Ergebnis ist also das, was wir heute als Westverschiebung Polens bezeichnen. Der Verlust der Ostgebiete ist demnach nicht eine Entschädigung an Polen aufgrund der deutschen Kriegstaten sondern eine Entschädigung an Polen durch die Alliierten aufgrund der erfolgreichen Durchsetzung territorialer Interessen der Sowjetunion an ihrer Westgrenze. Nicht vergessen sollte man auch, daß die Aufteilung Europas in deutsche und sowjetische Interessensphäre bzw. nach dem Krieg die Absicherung der gleich gebliebenen sowjetischen Interessen nicht nur Polen, Deutschland und die Sowjetunion betraf, sondern Auswirkungen vom Eismeer bis zum Schwarzen Meer hatte. (Finnland verlor beispielsweise schon 1940 seinen einzigen Eismeerhafen an die Sowjetunion und erhielt ihn nach Kriegsende selbstverständlich auch nicht wieder). Nebenbei: Polen hatte 1938 eine Fläche von 389.720 km² – heute hat es eine Fläche von 312.685 km²; es verlor also trotz Westverschiebung eine Fläche von der Größe des heutigen Tschechiens!!!

Schlußendlich muß man die Frage nach der Bewertung der Abtretung deutscher bzw. preußischer Ostgebiete gar nicht gesondert stellen, da diese Abtretung lediglich eine Folge der Westverschiebung Polens ist. Also sollte dem Prinzip des gesunden Menschenverstandes folgend, die Abtretung deutscher Gebiete genau so zu bewerten sein wie die polnische Westverschiebung. Es ging nicht darum Deutschland zu bestrafen, zu verkleinern oder um andere deutschlandbezogene Dinge, die in diesem Zusammenhang immer noch und immer wieder gerne behauptet werden. Es ging ausschließlich um die Durchsetzung sowjetischer Interessen an der Westgrenze der SU.

Wenn man es also als gerecht empfindet, daß das eindeutige Kriegsopfer Polen, einfach so und zusätzlich trotzdem noch unter Verlust von 77.000 km² Fläche, auf der Landkarte verschoben wird, weil ein Diktator vom „Westen“ das zugestanden bekommen wollte, was er mit einem anderen Diktator vereinbart hatte, dann, und nur dann, kann man auch die Abtretung der deutschen/preußischen Ostgebiete rechtens finden.

Daran ist aber vielleicht auch zu erkennen, daß die Bewertung dieser Problematik keine Frage der Zugehörigkeit zu einem bestimmten politischem Lager ist, sondern eher eine Frage von Gerechtigkeitsempfinden und Vernunft. Willy Brandt wußte das noch. Der Zeitgeist hat sich geändert und schon gerät man in Konflikt mit der geltenden Staatsraison.

Hätte Polen seine Ostgebiete behalten dürfen und hätte es trotzdem noch die deutschen Gebiete dazu bekommen, könnte man vielleicht von einem Entschädigungsversuch sprechen, so ist es aber nur eine Art Schweigegeld.
Die Kommunistische Führung Polens setzte dem offiziell auch nichts entgegen und beschwichtigte sich und die Bevölkerung mit der erst zur Zeit der polnischen Teilungen (nach 1795) aufgekommenen Idee des piastischen Polens, wonach die neuen Westgebiete gar nicht so neu waren, sondern lediglich wiedergewonnen wurden.

Was hätte die hier beschriebene Sichtweise bezüglich der Westverschiebung Polens für Auswirkungen auf die Bewertung von Flucht und Vertreibung? Nun, wenn man akzeptiert, und das muß man wohl, daß die Westverschiebung Polens nichts mit der deutschen Kriegsschuld, sondern mit sowjetischen Territorialinteressen unter Billigung der USA und
Großbritanniens zu tun hat, so muß man auch zum Schluß kommen, daß die Folge dieser Verschiebung, die Vertreibung, ebenso wenig mit der vorhandenen Kriegsschuld zu tun hat und die Aussage „Selber schuld“ nicht greifen kann. Nebenbei: Vergessen werden sollte an dieser Stelle auch nicht, daß bevor 14 Mio Deutsche vertrieben wurden bereits 1939 3,5 Mio polnische Staatsbürger ihre Heimat verlassen mussten, oftmals verbunden mit einem mindestens sechsjährigen Umweg über sibirische Arbeitslager und Kohlebergwerke.

Grenzverschiebungen hat es in der Geschichte oft gegeben, neu ist eine Vertreibung vorliegenden Ausmaßes. In Polen wusste man, daß die eigenen Ostgebiete auf immer verloren sind, die hinzugewonnenen Westgebiete aber zunächst nur für 50 Jahre, also bis 1995 unter polnischer Verwaltung stehen sollten – was ja theoretisch auch für das an die SU gegangene Königsberger Gebiet galt. Wie es letztendlich mit Deutschland weitergeht war zu diesem Zeitpunkt nicht abzusehen und vollkommen unklar – also entschloss sich die kommunistische Führung schnell Fakten zu schaffen – Ergebnis: Vertreibung.
Allerdings war die Umsiedlung keine ausschließliche Idee der polnischen Kommunisten, sondern ebenfalls von SU, USA und GB so beschlossen, „human“ sollte sie von statten gehen – die Realität sah bekanntermaßen anders aus.

Letztendlich ist es schade, daß auf beiden Seiten Ressentiments zwischen Opfern gepflegt werden. Polnische und deutsche Vertriebene eint vielmehr als sie trennt. Beide haben sich in Teilen zu Handlangern eines verbrecherischen Systems machen lassen und beide haben letztendlich, die einen davor, die anderen danach, ihre Heimat verloren, wurden vertrieben und neu angesiedelt.

Wie auch immer man zu letzem Absatz steht, Schlussfolgerung sollte sein, daß polnische und deutsche Vertriebene und deren Nachfahren auch Opfer des gleichen Vorgangs sind. Eine Rückgabe von Eigentum sollte, um des lieben Friedens Willen und auch um neues Unrecht zu vermeiden, nicht gefordert werden. Wohl aber die Möglichkeit die Vorgänge ganz selbstverständlich als das zu bezeichnen, was sie in meinen Augen sind: Ungerecht und verbrecherisch und womöglich ein Geburtsfehler der europäischen Nachkriegsordnung. Über finanzielle Entschädigung könnte man vielleicht nachdenken; nicht aber von Polen an Deutsche, sondern von den drei betreffenden Alliierten bzw. in einem Falle dessen Rechtsnachfolger an die Opfer beider Völker, Polen und Deutsche.

Schön wäre auch, wenn Polen und Deutsche akzeptieren könnten, daß es nun, fast 70 Jahre nach Kriegsende zwei Nationalitäten gibt, die ein und dasselbe Gebiet zu Recht als Heimat bezeichnen wollen und es auch dürfen sollen. Vielleicht wäre das ein Keim aus dem was wunderbares Neues erwächst.

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